Erlebnisse mit Maremmani
   
 

Vace - meine Erfahrungen mit einem ehemaligen Arbeitshund

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  Mein Kindestraum, einen Hund zu haben, sollte nun endlich in Erfüllung gehen.

In einem Tierheim hatte ich eine ältere Neufundländer Hündin gesehen, welche es mir angetan hatte. Als ich mich dort meldete, war sie aber bereits bei einer anderen Familie untergebracht.

Ein paar Wochen später sah ich in der "Tierwelt“ ein Inserat von einem anderem Tierheim, welche eine Maremmanomixhündin abzugeben hatte. Aber auch dieses Tier ging gegen die Abmachung, welche ich mit dem Personal ausgemacht hatte, vor unserer Nase weg. Ich weiss aber nicht, ob ich sehr traurig war, denn diese Hündin knurrte bei den leisesten Anzeichen, sie streicheln zu wollen.

Da erinnerte ich mich an ein Inserat im gleichen Heft, wo ein Maremmanorüde, 2,5 jährig, ausgeschrieben war. Ich telefonierte ein erstes Mal lange mit der betr. Person. Dann folgte ein zweites Telefonat und beim dritten machten wir Zeit und Ort der Übergabe ab.


Bis anhin hatte ich in Erfahrung gebracht, dass es ein Arbeitshund war, reinrassig, sehr aufgeweckt, dass er wahrscheinlich ein Schaf am Hinterlauf genommen hatte und er ausgesondert werden musste. Er war vom Buwal zum Schutz der Schafe gegen einwandernde Wölfe in den Walliser Alpen eingesetzt worden.
Ein Hirte hatte ein halbes Jahr geübt, bis der Hund ihn an sich heran gelassen hat. Er hat ihn zu sich nach Hause genommen, wo er in einem Zwinger mit einem fast doppelt so schweren Maremmanorüden zusammen gehalten wurde. Der Hirte habe ihn oft mit auf die Alp genommen, wobei der Hund sehr gut hinter ihm gelaufen sei. Auch mit anderen Hunden habe er keine Probleme. Stubenrein ? Das wisse er nicht, da er nie im Hause gehalten wurde. Autofahren würde er noch mit ihm üben, damit wir ihn gut mit dem Auto abholen kommen könnten.

Mitte November , es war soweit, gingen wir Vace holen.

Die Freude war gross, Vace war ein wunderbares Tier, sehr neugierig an seiner Umgebung, etwas nervös, was ich verständlich fand. Wir machten uns auf den Heimweg und abgesehen von ein paar Kletterversuchen seitens Vace, im Auto nach vorne zu kommen, hat alles wunderbar geklappt.

Die erste Nacht war lang, denn Vace schlug dauernd an. Ich hing nur noch zum Fenster raus, um ihn zu beschwichtigen, was auf kurze Dauer auch klappte. Wir hatten etwas Sorge wegen der Nachtruhe und den Nachbarn und beschlossen, Vace in die Garage zu bringen. Sollte er dort urinieren, weil wir ja nicht wussten, wie er sich verhielt, wäre das nicht so tragisch.

Ich glaube, Vace war nicht an Räume gewohnt, denn er sprang ständig gegen das Tor, kratzte dann und knallte wieder ins Garagentor, so dass an Schlaf wieder kein Gedanke war. Wir gingen wieder zu ihm, er wedelte freudig, als wir kamen, liess sich streicheln, aber bis endlich Ruhe war, mussten wir noch einiges ausprobieren.

Nun, der Alltag begann, Vace lernte schnell und wie oft bei dieser Rasse, gehorchte er einen Tag wunderbar, am anderen Tag wusste er von nichts mehr. Obwohl ich Hundeerfahrung mitbrachte, hatte ich keine Ahnung von einem Herdenschutzhund und seinen Eigenschaften. So unterlief mir ein Fehler nach dem anderen.

Vace hatte eine starke Ausstrahlung. Meinem Mann gefiel er sehr gut und so lernte mein Mann einen Hund streicheln - ein Mann, der bisher Hunde nur von Weitem angesehen hat. Vace legte ihm jeweils die Pfote auf die Schulter. Wir missverstanden diese Geste gründlich und fanden es rührend. Schnell hat mich Vace gelernt, dass er vom Futter nichts hielt. Ich erinnerte mich, dass er ja mit Futterautomaten versorgt wurde auf der Alp, fand es aber angebracht, ihn an Futterzeiten bei uns zu gewöhnen.

Vace war ein unglaublich guter Wachhund. Wir nahmen das Ganze nicht so ernst und haben uns auf die Eingewöhnungszeit berufen. Vace versetzte die Nachbarn in Schrecken, weil er sie derart wütend in Empfang nahm, kaum dass sie in ihrem Garten erschienen. In meinem Beisein benahm er sich einigermassen gut, aber drehte ich ihm den Rücken zu, ging es wieder los.

Nach einer Woche sprang er meinen Mann an, worauf ich den Fehler meinem Mann zuschob. Hätte ich gewusst, dass dies der Anfang vom Ganzen war, hätte ich ihn wieder zurückgebracht.

Der Hirte hat mich noch ein paar Mal angerufen und gefragt, wie es ginge. Ich habe ihm von unseren Schwierigkeiten erzählt, aber der Hirte konnte mir da nicht weiter helfen.

Da Vace enorm bewegungsfreudig war, habe ich ihm Auslauf geboten, soviel ich konnte. Wir gingen stundenlang spazieren, auch am Velo lief er stundenlang mit. Ich hielt ihn an einer selbst gebastelten Leine über 12 m. Als ich ihn dann nach 3 Wochen das erste Mal los liess, hat er mich gelernt, was es heisst, "Runden zu drehen“. Die Durchmesser dieser Runden waren ca 1 Kilometer. Vace rannte, was das Zeug hielt, um nach kurzer Zeit wieder zu mir zurück zu kommen. Er sah gelöst und glücklich aus. Vace ist allerdings wiederholt abgehauen und zu einem Bauernhof gegangen, weil dort Schafe im Stall standen. Das wusste ich nicht, da es Winter war und die Schafe nie draussen zu sehen waren.

Mit anderen Hunden kam er wirklich prächtig aus. Als ihn einmal 4 Rüden alle gleichzeitig bedrohten, hat er mit unglaublichem Geschick ihre Unsicherheit in den Griff bekommen, ohne sich zu unterwerfen.

Da ich ihn nicht überall loslassen konnte, habe ich ihn oft an der Leine mit anderen Hunden spielen lassen. Das hat ihn überhaupt nicht irritiert. Er war so schnell, dass ich damit beschäftigt war, mich selbst genug schnell zu drehen, damit es mit der Leine keine zu grosse Verwicklung gab. Er war ein kleiner Rüde von 67 cm Schulterhöhe und nur 32 kg schwer. Aber er war schnell wie der Wind und sprang aus dem Stand über 2 Meter hoch.

In diesem Moment wusste ich noch nicht, wie ich dieses wilde Naturding in unsere Zivilisation einführen würde – aber ich hatte auch keine Zeit zum Nachdenken. Damit Vace meinen Mann respektiert, hatten wir abgesprochen, dass mein Mann ihn füttern solle. So geplant, bückte sich mein Mann um ihm den Napf hinzustellen - nur knapp entging er einem Angriff seitens Vace an die Gurgel.

Mir dämmerte es langsam, dass die Idee mit der Eingewöhnungszeit nicht mehr ihre Berechtigung hatte. Also wandte ich mich an den Tierarzt. Der hielt sich einen Labrador und riet mir, dem Hund einfach beizubringen, was sich gehört und was nicht. Ich dachte mir dabei, dass ich wirklich jeden Tag damit beschäftigt sei, aber vielleicht hatte ich mich nicht genug deutlich ausgedrückt.

Dann fragte ich eine Hundekursleiterin in der Nähe an. Sie sagte mir, ich solle mit auf den Platz kommen, wo wir in der Gruppe üben würden. Ich antwortete ihr, dass ich mein Tier nicht loslassen würde, wenn sich jemand schnell und brüsk bewege und bekam richtig Bauchweh bei dem Gedanken, Vace auf den Platz zu bringen und auszuprobieren, was möglich wäre...........

Sie hat mir dann vom KAH erzählt. Die Präsidentin des Klubs war die nächste, die von mir hörte. Ich weiss nicht mehr, mit was ich an sie gelangt war, ich weiss nur noch, dass Ohnmacht und Verzweiflung mich plagten. Inzwischen hatten wir Vace gelernt, ins Haus zu kommen. Fliessen kannte er nicht, weswegen wir ihn anfangs zu zweit hinein tragen mussten. Mit der Zeit bevorzugte er es, selber hinein zu laufen. Er war stubenrein, obwohl er das nie gelernt hatte.

Vace hatte angefangen, Leute, welchen er begegnete, zuerst freundlich zu begrüssen, um sie dann Sekunden später wütend knurrend und heulend anzufallen. Nur bei Kindern hat er das nie gemacht. Er hat sich von meiner Tochter führen lassen, ohne einmal in die Leine zu liegen. Auch hat sie oft ihre Freundin dabei gehabt, und die hatte dann noch Angst vor Hunden. Aber Vace vertraute sie mit der Zeit.

Ich allerdings begann, auf jedem Spaziergang Blut zu schwitzen. Mein Mann und ich hatten schon davon gesprochen, den Hund wieder zurück zu bringen. Das war aber nach 6 Wochen nicht mehr möglich, denn Vaces Platz hatte inzwischen ein anderer Hund erhalten. So riet man riet uns, Vace einschläfern zu lassen. Als letzte Möglichkeit wandte ich mich an eine Hundepsychologin. Sie bekam fast einen Schreikrampf, als ich ihr von uns, dem Hund und allem erzählte.

Wir machten einen Termin ab und ich bot ihr an, dass sie sich den Hund anschauen solle. Aber sie wollte nur mit mir reden. Ich war verwirrt über meine eigene Ambivalenz. Mein Herz war noch bei Vace, obwohl der Verstand anders funktionierte. Im Hause musste ich aufpassen, wo sich mein Mann befand und wo der Hund war. Es war einfach nicht mehr sicher, dass Vace meinen Mann ohne Überfall an sich vorbei gehen liess. Wir wussten alle, dass dies keine Lösung war, aber der Termin mit der Hundepsychologin war erst in ein paar Tagen.

Es kam so, wie es kommen musste - eines Abends knallte es im Untergeschoss. Ich ging hinunter und fand meinen Mann, etwas bleich aber ansonsten in Ordnung, Er hatte nicht gesehen, dass Vace in der Waschküche lag und wollte den Raum betreten. Vace sei gelegen und habe ihn aus dieser Stellung auf Mannshöhe angesprungen. Der Knall war die Waschküchentüre, welche mein Mann noch zwischen sich und Hund bringen konnte. Ich beruhigte meinen Mann und ich wusste, was zu tun war, rein verstandesmässig. In meinem Herzen war die Hölle los...

Am nächsten Tag hing ich stundenlang am Telefon. Ich wandte mich an sämtliche Tier- und Hundeheime in der Schweiz. Auch mit dem Tierschutz habe ich gesprochen. Es schien keinen Ausweg zu geben, Vace vor dem Tod zu retten. Aber es ging mir einfach nicht in den Kopf, dass der Mensch ein Tier jung auf die Alp schmeisst, es bei der ersten Schwierigkeit wieder wegholt, das Tier sich dann in einer Umgebung einfinden soll, in der es noch nie war - .und weil das auch nicht klappt, das Tier anschliessen einfach zu beseitigen. Dazu kamen noch die Drohungen meiner Tochter, mich lebenslang am Mord von Vace zu beschuldigen.

Vace verhielt sich mir gegenüber stets gut. Nur einmal, als ich ihn richtig grob gescholten hatte, da habe ich einen Blick zurück erhalten, der mir sagte, dass ich das in Zukunft sein lassen solle.

Ich stellte mir vor, dass eine Einzelperson mit dem Hund sehr gut zurecht kommen würde. Aber bitte keine Familie mehr, in der es naturgemäss stärkere und schwächere Mitglieder hat. Dann, ein Tierheim in der Innerschweiz sagte mir zu. Ich könne den Hund bringen. Es ging dann sehr schnell. Ich sagte den Termin mit der Hundepsychologin ab und packte alle Sachen von Vace zusammen. Es war fürchterlich. Ich spürte, dass die Leute vom Tierheim uns nicht ganz ernst nahmen.

Vace wedelte so freundlich, wie er das anfangs bei uns auch gemacht hat, als er die Leute das erste Mal sah. So standen unsere Worte gegen die Körpersprache des Hundes. Ich werde den Blick nie vergessen von Vace, als er uns von seinem Zwinger dort nach sah mit halb schiefem Kopf.

Einige Wochen später haben uns Freunde angesprochen, dass unser ehemalige Hund in einer Tiervermittlungssendung zu sehen sei. Wir haben uns gemeinsam die Sendung in der Wiederholung angesehen. Es war tatsächlich Vace, der dort vorgeführt wurde. Kein Wort, dass Vace nur an eine Einzelperson vermittelt werde. Nur, dass er abgegeben wurde, weil er den Besitzer nicht mehr ins Haus gelassen habe - und dass er vielleicht noch ein wenig Erziehung nötig hätte.

Nach 2 Monaten konnte ich nicht anders, ich musste nochmals beim Tierheim anrufen und mich erkundigen, wie es mit Vace weiter gegangen ist. Zuerst sei er wieder bei einer Familie gelandet, welche ihn aber nach 2 Wochen wieder zurück gebracht habe. Dann hätten sie ihn eine Weile bei sich gehabt. Der Hund sei doch nicht ganz ohne gewesen. Bei ihren Teamsitzungen sei es Usus, immer einen Hund mit in den Raum zu nehmen. Vace habe dann eine Pflegerin von hinten angesprungen und auf den Boden gelegt, als diese etwas schnell aufgestanden sei, um einen Bleistift zu holen. Nun habe er aber ein Zuhause bei einer Einzelperson gefunden.

Das ist nun über 2, 5 Jahre her.

Ich hoffe sehr, dass Vace einen Platz gefunden hat, der seinen Bedürfnissen in einem Mindestmass gerecht werden kann. Ansonsten müsste ich daran zweifeln, ob ihm eine Erlösung doch mehr Frieden gebracht hätte.......

Mein Fazit:

Ich möchte mich dafür einsetzen, dass junge Herdenschutzhunde, welche als Arbeitshund vorgesehen sind, eine Sozialisierung bekommen wie ein Familienhund und nicht einfach so vermittelt oder an Tierheime abgegeben werden.

Der Bewacherinstinkt, den sie in sich tragen, ist so stark, dass man, die Sozialisierung auf den Menschen niemals weglassen kann, bei keinem Hund, aber erst recht nicht bei diesen!

K. E., Nov. 2004

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